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Pornographie ist so alt wie die Menschheit selbst. Trotz Tabuisierung katapultierte der technische Fortschritt den Konsum pornographischer Inhalte in die Mitte der Gesellschaft – zur nahezu unbeschränkten Verfügung. Maßgeblichen Einfluss auf dessen rasante Verbreitung hatte zuletzt das Internet, welches heute zu einem beeindruckenden Drittel aus pornographischen Inhalten besteht. Tendenz weiter steigend, weil auch der Bedarf immer weiter wächst.

Pornosucht

Inhaltsverzeichnis

Wissenschaftliche Studien belegen, dass vor allem junge Männer (18 – 25 Jahre) unter negativen Auswirkungen ihres frühen und unangemessenen Pornokonsums leiden. Allen voran der Interessensverlust an partnerschaftlichem Sex und dicht gefolgt von pornoinduzierten Erektionsstörungen. Auch hier: Tendenz steigend.

Aber ab wann genau ist Pornokonsum schädlich für uns? Woran merken wir das?
Die Antwort darauf ist sehr individuell, und es empfiehlt sich abseits von Zahlen-Daten-Fakten mit ganzheitlichem Blick auf unsere eigene Bedürfnislage zu schauen.

Warum zieht Pornographie mich eigentlich so an?

Auf den ersten Blick bringen wir Männer unser Interesse an Pornographie mit unserem ausgeprägten „Sexualtrieb“ in Verbindung, welcher uns als natürliches Grundbedürfnis in die Wiege gelegt wurde. Hier verkennen wir jedoch unsere Gene. Die Sexualität hat die Funktion das Überleben der Menschheit zu sichern und einsam praktizierte Masturbation leistet mit oder ohne Porno dazu keinen Beitrag. Schauen wir also nochmal genauer hin.

Voyeurismus

Die Lust am Betrachten liegt uns allen inne. Andere Menschen beim Sex zu beobachten erregt und lässt uns an deren Lust teilhaben ohne selbst aktiv werden zu müssen. Es ist ein bequemer und sicherer Weg der sexuellen Stimulation und Befriedigung.

Anonymität

Sexualität ist eine sehr empfindsame Ebene. Unter der augenscheinlichen Anonymität trauen wir uns eher unseren Phantasien nachzugehen, als sie gegenüber unserer Partnerin zu adressieren oder gar auszuüben. Es gibt praktisch kein Risiko der Ablehnung und keine Verurteilung von außen. Das fühlt sich nicht nur sicher, sondern auch aufregend heimlich für uns an.

Selbstbestimmung

Aufgrund der Vielfalt des verfügbaren Materials können wir uns zu jedem von uns bestimmten Zeitpunkt die ideale Konstellation unserer Befriedigung suchen. Weder Abstimmung noch Kompromisse sind notwendig. Dank Zeitleiste können wir zu unseren Lieblingsszenen vorscrollen und sie beliebig wiederholen.

Abwechslung

Im Vergleich zu einer Partnerschaft, welche erwartungsbedingt Gewohnheiten einziehen lässt, können wir über Pornos Sexualpartner, Praktiken, Situationen, Schauplätze und Ausgänge beliebig variieren. Und damit der aufdeckenden Langeweile konsequent aus dem Weg gehen.

Verfügbarkeit

Alles was wir brauchen ist ein Internetzugang, einen Computer und etwas Abgeschiedenheit. In der heutigen Welt ist ein sexuelles High nur noch einen Mausklick entfernt. Wir können dieses High abrufen, wann immer wir wollen. Smartphones haben diese Entwicklung noch verschärft.

Hier kommt auch ein bedeutender Punkt für eine Suchtentwicklung zum Tragen. Es fehlt die natürliche Beschränkung, welche durch die Anbahnung und das Einvernehmen zweier Menschen entsteht. Wir überreizen ein Bedürfnis, welches seinen Reiz durch Verknappung hat. Die Folge: Der Reizgewöhnung folgt die Konsumsteigerung. Ein Teufelskreis beginnt.

Welche Konsequenzen kann unverhältnismäßiger Pornokonsum auf meine Sexualität haben?

Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten, da jeder Mensch seine eigene, individuelle Sexualität hat und diese auch unterschiedlich beeinflussbar ist. Folgende Phänomene hat die Wissenschaft bisher beobachtet.

Die Konditionierung von Idealbildern

Die meisten pornographische Inhalte im Internet sind auf impulsartigen Konsum inszeniert und verzerren unsere Realität hinzu einer schädlichen Idealvorstellung. Makellose Körper, stahlharte Erektionen, stundenlange Penetration und dauererregte Frauen. Ohne es direkt mitzubekommen, bilden wir darüber einen innerlichen Maßstab, welcher rein auf Äußerlichkeiten bezogen ist. Teils unbewusst vergleichen und bewerten wir daran uns selbst wie auch unsere Partnerinnen. Die unweigerliche Folge: Abwertung und Enttäuschung. Die Orientierung an einem Ideal ist der Garant für ein ausdauerndes Gefühl des Nie-Genug-Seins. Die unschöne Wahrheit: Wir haben uns unser Gefühl als Versager selber hart erarbeitet.

Die Verarmung der sexuellen Reizfähigkeit

Unsere Sexualität ist ein komplexes Zusammenspiel aus Gefühl, Beziehungsdynamik, Kommunikation und Sinneswahrnehmung. Masturbation mittels visueller Pornographie beschränkt dieses Vermögen auf einen winzigen Ausschnitt. Tragende Bedürfniselemente wie Nähe, Berührungen, Riechen, Schmecken, Zweisamkeit, Intimität, Interaktion etc. werden nicht angesprochen. Zu häufig praktiziert, trimmen wir unseren Körper somit auf eine selektive Wahrnehmung. Unverhältnismäßig hohe Vernachlässigung führt im schlimmsten Fall sogar zur Abspaltung wichtiger Trägerbedürfnisse vom sexuellen Erleben. Was nicht benutzt wird, bekommt keine Ressourcen. Begegnen wir dann einer Frau im Bett, fehlt uns die Vielfalt und auch die qualitativen Feinabstufungen, um sie sexuell vollständig (mit allen Sinnen) wahrnehmen zu können. Es ist vergleichbar mit der Betriebsblindheit im Arbeitsleben. Konzentriere ich mich zu lange nur aufs Geldverdienen, verliere ich den Bezug zu den erfüllenden und selbstwirksamen Aspekten meines Arbeitsdaseins.

Sexuelle Funktionsstörungen

Masturbieren wir täglich mindestens einmal zu Pornos, riskieren wir langfristig Erektionsstörungen, weil die hinaufgetriebene, sexuelle Reizschwelle mit einer Frau nicht mehr erreicht werden kann. Eine pornographie-induzierte erektile Dysfunktion, kurz PIED genannt, kann die Folge sein.

Partnerschaftsprobleme

Durch den Gewöhnungseffekt und die tiefe Einprägung unserer Masturbationsroutine, können wir außerdem den Bezug zur partnerschaftlichen Sexualität verlieren. Eine Erektion ist dann nur noch über DAS eine – selbstkonditionierte Setting – erzielbar. In Verbindung mit unserer Partnerin sind wir jedoch sexuell nicht mehr „ansprechbar“. Auf diese Erfahrungen reagieren wir meist mit Kränkung und Rückzug und intensivieren damit unsere Sexualität im Verborgenen zur Kompensation um so mehr. 

Entwicklung einer Pornosucht

In schwerwiegenden Fällen kann sich daraus ein typisches Suchtverhalten entwickeln, welches den klassischen Suchtmitteln wie Drogen oder Alkohol in seiner Wirkung ähnelt. Unser Belohnungssystem gewöhnt sich an das einfache High des schnellen Höhepunktes und fordert dessen Wiederholung und Intensivierung. 

Ab wann bin ich süchtig nach Pornos?

Nicht jeder Porno-Fan wird süchtig. Folgende Entwicklungen sollten wir aber ernst nehmen und aufmerksam beobachten:
 
  • ein Aufhören selbst für wenige Tage ist nicht möglich
  • immer mehr Zeit wird mit der Suche nach immer intensiveren Reizen verbracht
  • Masturbation fühlt sich nach Zwang an und kann nicht genossen werden
  • negative Auswirkungen auf Gesundheit, Schule, Beruf, Beziehungen, Finanzen und generelle Vernachlässigung des Privatlebens 
  • häufige sexuelle Phantasien über den Tag verteilt, auch in unpassenden Situationen 
  • trotz negativer Folgen können sexuelle Phantasien und Verhaltensweisen nicht mehr ausreichend gesteuert werden
  • Aggressivität gegenüber der eigenen Person und der fehlenden Willensstärke
 
Finden wir uns bei mindestens einem Merkmal wieder, ist das Aufsuchen eines auf Sucht- oder Sexualverhalten spezialisierten Therapeuten ratsam. Nur mit professioneller Hilfe können wird uns vor einem Suchtkreislauf bewahren und unsere Lebens- sowie Partnerschaftsqualität erhalten.

Wie schaffe ich es, meine Sexualität wieder unabhängiger vom Pornokonsum zu erleben?

Ein reflektierter Umgang mit unserem Konsumverhalten kann uns helfen, unsere Situation besser einzuschätzen und uns vor der Abgleitung in ein Suchtverhalten schützen.
 
Warum konsumiere ich Pornos?
Wieviel Pornos schaue ich? Und wie lang?
Welche Kategorien suche ich?
Unter welchen Umständen schaue ich Pornos?
Welche Motivation geht meinem Wunsch nach Konsum voraus?
 
Werden wir uns bewusst, welche Muster unserem Verhalten zu Grunde liegen, können wir die treibenden Bedürfnisse dahinter besser fassen und Strategien zur pornographieunabhängigen Befriedigung finden. Begleiten wir diese Findungsphase mit einem Tagebuch, fügen sich die einzelnen Puzzleteile zu unserer individuellen Wahrheit zusammen. Erst danach macht ein schrittweises oder gar komplettes Pornofasten Sinn. Je nach Historie braucht unser Belohnungssystem Wochen und Monate, um sich zu erholen. Wichtig dabei ist, die Ziele nicht zu hoch anzusetzen, um sich von den anfänglichen Frustrationsgefühlen nicht zur vorschnellen Aufgabe „übermannen“ zu lassen.
 
Gleichzeitig oder nachgelagert empfiehlt sich das Verändern unserer Masturbationsroutine. Unser Körper kann sich von den harten und zielorientierten Stimulationstechniken erholen und feinsinnige Rezeptoren wiederausbilden. Als förderlich hat sich eine masturbationsfreie Zeit und ein Wiedereinstieg mit einer absichtsloseren und sanfteren Technik bewährt. Bieten wir unserem Körper feinere Sinnesreize an, wird er darauf seine Wahrnehmungskanäle ausbilden und wir wieder „ansprechbarer“ für natürliche Reize werden. Erfolgsbegünstigend sind Geduld und eine entspannte, drucklose Haltung. 
 
In der Partnerschaft kann es Sinn machen, wenn wir uns mit unserem Pornolaster offenbaren. Das kostet viel Überwindung und wird vielleicht größere Dimensionen annehmen als wir erwartet haben. Es kann aber mittelfristig zu Entlastung in doppelter Hinsicht führen. Entlastung für unsere Partnerin, weil sie eine Erklärung für unser Verhalten bekommen hat und sich weniger Gedanken machen muss über dramatischere Hintergründe. Entlastung für uns, weil wir keine Energie mehr in das Verbergen stecken müssen und uns unsere Partnerin ab diesem Moment als Dialog- und Sparringspartnerin zur Seite stehen kann. Darüber hinaus kann eine Beziehung langfristig an Tiefe gewinnen und sich unserer Beziehungsqualität zu uns wie auch zu unserer Partnerin maßgeblich verbessern. Beziehungsqualität hat maßgeblichen Einfluss auf unsere Lebensqualität.
 
Pornographie muss nicht komplett aus dem Liebesleben verbannt werden. Es ist wie mit den meisten Genussmitteln: Nutze ich sie wohldosiert um gute Gefühle zu erfahren, ist es okay. Nutze ich sie übertrieben, um mich von schlechten Gefühlen abzulenken, verschwende ich meine sexuelle Energie an die Kompensation eines Themas, was dort nicht hingehört und nach Erlösung auf einer anderen Ebene wartet.

Autor:

Matthias Geipel

Matthias Geipel