Die Antwort ist eine Frage der Perspektive.
Biologisch gesehen sichert Sex ganz nüchtern betrachtet unseren Fortbestand. Dann können wir vom natürlichen Prinzip der Arterhaltung sprechen. Dafür braucht es allerdings weder Lust noch eine ekstatische Erfahrung oder den alles vollendenden Orgasmus (die männliche Ejakulation reicht hier vollkommen aus). Aus dieser Perspektive kommt nicht viel Freude auf, vermute ich mal.
Nehmen wir unsere aktuelle, gegenwärtige Perspektive auf unsere Sexualität ein, scheint es alles, aber keine natürliche Sache zu sein. Tausende von Beziehungs- und Sex-Ratgebern, Abertausende Ansätze und Leitfäden in diversen Internetforen, Youtube-Kanäle, die sich diesem Thema mehr oder weniger tiefgründig verschrieben haben auf der einen Seite und verzweifelte Menschen, unzufriedene Paare und auch am Thema Sex scheiternde Beziehungen auf der anderen Seite. Das kann nicht natürlich sein. Aus heutiger Sicht ist Sexualität verbunden mit individuellen Lernerfahrungen, einer oft nicht die sexuelle Neugier und Entwicklung fördernden Erziehung und dem gesellschaftlichen Diskurs, der uns mittlerweile nahelegt, unsere Sexualität offen vor uns herzutragen und unsere Wertigkeit als Mensch über unser Geschlecht oder Nichtgeschlecht zu definieren. Ich bin für Offenheit und Respekt – jedem Gegenüber. Dieser aktuelle Weg führt allerdings sehr viele völlig ratlose Menschen in unsere Praxis, weil sie überhaupt keine Idee haben, woran sie sich orientieren sollen, um „richtig“ zu sein.
Früher haben wir gelernt, über Sex spricht man nicht. Heute finden wir sexualisierte Werbung in jeder Bushaltestelle. Früher wurden wir kaum an das Thema herangeführt, abgesehen von einem recht lückenhaften und schambehafteten Sexualkundeunterricht. Heute bauen wir unsere Vorstellung von Sexualität auf Inhalten sozialer Medien und Pornografie auf. Ich denke nicht, dass ich das weiter ausschmücken muss, denn die Konsequenzen erleben wir ja alle irgendwie tagtäglich – mehr oder weniger ausgeprägt: Frust, Scham, Leistungsdruck, Versagensangst, Unzufriedenheit mit dem Aussehen und der „Funktionsfähigkeit“ des eigenen Körpers, Vergleich mit anderen (bei dem man selbst häufig schlechter abschneidet), Anspannung, Schuldgefühle und Schuldzuweisungen, Orientierungslosigkeit, … Die Liste ist lang.
Wir rennen durch unser von Leistungsorientierung und Perfektionsstreben geprägtes Leben auf der Suche nach ein bisschen Glück – und Erfüllung. Für uns selbst, partnerschaftlich und natürlich sexuell. Und merken gar nicht, wie wir uns völlig darin verlieren. Wir wollen alles richtig machen und richtig sein und die richtigen Entscheidungen treffen und setzen dem erreichten Ziel das nächstgrößere obendrauf. Wir kommen nicht mehr runter, haben kaum Zeit zum Durchatmen, nehmen kaum mehr Energie auf. Sex wird zum Spannungsabbau oder zum Frust-Thema. Nicht für alle! Aber für viele. Und das ist traurig. Denn das ist tatsächlich nicht natürlich.