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Ich bin fremdgegangen. Wie soll ich damit umgehen? Soll ich es meiner Partnerin sagen?

„In einem schwachen Moment gab ich mich trotz meiner gut laufenden Beziehung einem Seitensprung hin. Es begann mit einem harmlosen Flirt und endete, dass ich mit meiner Kollegin im Hotelbett aufwachte. Alles dazwischen fühlt sich an wie ein hemmungsloser Rausch. Eine wilde Party. Das Spiel mit dem Feuer. Allgegenwärtig war mein impulsiver Pulsschlag, der mich so lebendig wie schon lange nicht mehr fühlen ließ. Peinlich berührt verabschiedete ich mich von meiner Kollegin und konnte ihr dabei kaum in die Augen schauen.
 
 
Fremdgehen-ich bin fremd gegangen- was tun

Es ist passiert.

Ich könnte es auf den Alkohol schieben. Aber irgendwie spüre ich schon, dass das nur die halbe Wahrheit ist. „Männer sind halt so“, höre ich mich innerlich zu mir sagen, obwohl ich eigentlich nie so ein Mann sein wollte. Ich fühle mich schuldig, nicht nur meiner Partnerin gegenüber. Lege mir auf dem Heimweg schon Argumentationen zurecht für den Fall, dass es gleich rauskommt und ich Rechenschaft ablegen muss. Oder rechtfertige ich mich dabei vor mir selber? Verdammt – ich könnte meine Beziehung verlieren. Das macht mir Angst.
 
Zu Hause angekommen blicke ich in das Gesicht meiner Partnerin. Ihr Blick trifft mich. Ich fühle mich ertappt. Sie schaut so skeptisch. Ahnt sie etwas? Ich kann den Blickkontakt nicht halten und suche nach Ablenkung. Sie fragt wie die Feier war. Ich gebe ihr eine billige Antwort und spiele den gestrigen Abend herunter. Das genügt ihr nicht – sie fragt genauer nach. Ich merke wie ich wütend werde und fahre sie an. Sie erschrickt und wendet sich ab. Ich werde traurig und entschuldige mich im selben Moment. Laufe ihr hinterher und begründe meine Gereiztheit mit meinem Brummschädel. Sie nimmt mich in den arm und ich falle – in ein tiefes Loch.“

Was soll ich jetzt nur tun?

Durchatmen. Nehmen Sie sich Zeit für sich um herunterzukommen. Sie können es jetzt nicht mehr ändern, auch wenn Sie es gerne möchten. Ihr schlechtes Gewissen betritt nun die Bühne und macht Sie empfänglicher für allerlei Vorwürfe. Für die Vorwürfe Ihrer Partnerin, aber vor allem auch für Ihre eigenen inneren K.O.-Sätze („Ich Egoist.“). Wie ein Magnet zieht Ihr Schuldgefühl nun alles an was Ihnen hilft sich schuldiger zu fühlen. Aber das führt zu nix. Eigentlich möchten Sie kein Opfer sein, sondern Verantwortung übernehmen. Versuchen Sie Ihren Kopf oben zu halten, differenzieren Sie genau, welcher Vorwurf berechtigt ist und grenzen Sie diesen eindeutig von Ihrem schlechten Gewissen ab. Auch wenn es sich häufig ähnlich anfühlt, es sind immer zwei verschiedene Aspekte. 
 
Ihre Haltung kann hierauf einen günstigen Einfluss haben. Auf der Ebene der Schuld drehen Sie sich im Kreis. Aber wie sieht es mit den anderen Ebenen aus? Gibt es eine Ebene auf der sich hinter Ihrem Fremdgehen sogar eine positive Absicht verbirgt? Wie genau schaut diese Absicht aus? Was wäre wenn Sie eine Haltung aus dieser Ebene heraus einnehmen? 
Zu schwer? Was wäre denn übrig, wenn es die Schuld in Ihnen nicht mehr gebe?
 
Auf der Vertrauensebene vermag ein Seitensprung viel Land zerstören, im schlimmsten Fall sogar die Beziehung beenden. Doch bevor Sie das alles in die Waagschale werfen:
Was ist denn genau passiert? Was führte dazu, dass Sie bereit waren Ihre Beziehung für ein Abenteuer zu riskieren? Und nein – der Alkohol ist kein guter Verteidiger, diente er doch nur als Verstärker für etwas was eh schon angelegt war. 
 
Dem Schritt zum Seitensprung gehen in der Regel Bedürfnisse voraus, welche in Ihrer Beziehung zu kurz gekommen sind. Vielleicht dort noch nie thematisiert worden und manchmal auch dem Fremdgeher noch gänzlich unbekannt sind. Meistens ist der erste Kurzschluss: „Es hat mir an Häufigkeit, Abwechslung oder Dynamik beim Sex gefehlt, deswegen bin ich fremdgegangen.“
Das erscheint zwar naheliegend, die häufigeren Gründe für einen Seitensprung sind jedoch nicht die sexuellen Defizite, sondern darüber hinaus mit angesprochene Grundbedürfnisse wie Anerkennung, Geborgenheit, Lebendigkeit, usw.
Bevor also eine gute Entscheidung getroffen werden kann, ist es sinnvoll sich anzuschauen, was in Ihnen vorgegangen ist bevor Sie fremdgegangen sind.

Soll ich es gestehen?

Dem Schritt zur Offenbarung des Seitensprungs sollte eine wichtige Überlegung vorausgehen. Sie begehen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine tiefe Verletzung und die sollte auf einer besonnenen Grundlage beruhen. Hierfür können Sie sich fragen, aus welchem Grund Sie es Ihrer Partnerin erzählen möchten.

Möchten Sie eine Begnadigung?
Möchten Sie sich zukünftiges Fremdgehen erschweren?
Möchten Sie eine Änderung in der Beziehung anstoßen?
 
Welche Gründe konkret auch immer dahinter liegen mögen, sie sollten aus Ihrer Sicht die mutmaßliche Verletzung rechtfertigen. Dreht es sich dabei nur um Sie und Ihr erleichtertes Gewissen ist das ziemlich egoistisch und kann die Lage zwischen Ihnen beiden zusätzlich belasten. Beziehen Sie in Ihre Entscheidung aber einen Entwicklungswunsch Ihrer Partnerschaft mit ein kann daraus eine Chance werden für eine tiefere und ehrlichere Beziehung. Außerdem fügen Sie Ihrem möglichen Geständnis damit eine Qualität von Gestaltungswillen hinzu, statt sich nur im Gnadengesuch zu suhlen. Das wird Ihnen Stabilität verleihen.

Soll ich es verheimlichen?

Geheimnisse voreinander zu haben kann ein ausdauernder Motor für eine lebendige Partnerschaft sein. Das romantische Ideal von „Wir-wissen-alles-voneinander“ ist meistens inszeniert und in den selten Fällen bei denen es wirklich zutrifft eher ein Spannungskiller. Geheimnisse sorgen darüber hinaus für eine selbstbestimmte Abgrenzung als Individuum innerhalb der Partnerschaft – die biologische Grundvoraussetzung für den langfristigen Erhalt von gegenseitiger Anziehung.
 
Geheimnisse in der Qualität eines Treueverstosses werden jedoch häufig von einem Gefühl des Verrats begleitet, dem unrühmlichen Gegenspieler von Loyalität. Vielleicht können Sie jetzt beim Lesen dieser Zeilen schon körperlich spüren wie sich Ihr Schuldgefühl auflädt.
Diese Spannung wird sich zwar nach Ihrer Entscheidung es für sich zu behalten verringern, jedoch über einen langen Zeitraum nie ganz verschwinden. 
 
Sie können lernen mit Ihrem Geheimnis zu leben. Finden vielleicht eine Strategie sich regelmäßig wieder für dieses Geheimnis zu entscheiden und bewusst hinter den tagesaktuellen Gründen dafür zu stehen. Rechnen Sie jedoch damit, dass der Erhalt Ihres Geheimnisses Energie benötigen wird. Egal ob Sie es über Verschweigen, Leugnen oder aktives Lügen tun. Stellvertreterkonflikte entstehen, deren Austragung und Lösung sich unvollständig anfühlen können. Phasenweise ist Ihnen danach den Kontakt zu Ihrer Partnerin zu meiden oder sich ganz zurückzuziehen. Ein Schuldgefühl kann sie täglich – mal stärker, mal schwächer – begleiten und verhindern, dass Sie sich (wieder) ganz in Ihrer Beziehung öffnen können. Ein ziemlicher Kraftakt für ein am Tagesende unbefriedigendes Ergebnis.
 
Sollte Ihr Seitensprung trotz Ihrer Anstrengungen auffliegen, treten Sie die Flucht nach vorne an. Improvisieren Sie keine neuen Lügengebäude, dass lässt Sie besonders armselig wirken und Ihre Partnerin fühlt sich aus gutem Grund noch mehr verarscht. Jetzt macht nur noch schonungslose Offenheit Sinn.

Wie treffe ich eine gute Entscheidung?

Innerhalb der Vorstellung eines mündlichen Beziehungsvertrages hat Ihre Partnerin ein Recht auf Wahrheit und im gleichen Moment ein Recht auf Unversehrtheit. Das bedeutet egal welche Entscheidung Sie treffen, sie wird einen Rechtsbruch zur Folge haben. Diese Gewissheit fühlt sich erstmal scheiße an, kann Ihnen aber helfen die passende Haltung zu Ihrer Entscheidung einnehmen. Das hat sogar noch einen Vorteil, denn die Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben ist gar nicht so schlecht wie ihr landläufiger Ruf. Studien haben gezeigt, dass wir bei der Abwägung von Nachteilen intelligenter und weiser agieren als bei der Abwägung von Benefits. 
 
Entscheidungen betreffen in der Regel zwei Ebenen in Ihnen. Eine sachlich-rationale (ihre Gedanken) und eine emotionale-beziehungsorientierte (ihre Gefühle). Die schwierigsten Entscheidungen sind jene, bei denen sich beide Ebenen widersprechen. 
In unserem Fall könnte es so lauten:
Sachlich – „Es ist moralisch richtig ihr meinen Seitensprung zu beichten und die Beziehung ehrlicher weiterführen zu können“ vs. Emotional – „Ich habe Angst sie damit zu verletzen und sie zu verlieren.“
Diese beiden Ebenen übereinander bringen zu wollen ist menschlich, wenn es Ihnen gelingen sollte jedoch immer ein fauler Kompromiss. Nehmen Sie den Widerspruch zwischen Ihren Gedanken und Ihren Gefühlen an und gebe Sie beiden Raum. Seien Sie in diesem Punkt so ehrlich zu sich selbst wie nur möglich. Im Falle eine Geständnisses soll Ihre Partnerin eine Chance haben mit Ihrer ganzen Wahrheit umgehen zu können.
 
Die Erstellung einer Pro-Contra-Liste scheint zwar etwas befremdlich für eine emotionale Krise, kann Ihnen aber dabei helfen sich dem ganzen Ausmaß Ihrer Handlung bewusst zu werden. Als quantitatives Entscheidungsinstrument sollte sie jedoch nicht herangezogen werden.
Unterstützend kann auch das Anvertrauen an einen engen Freund oder einen Therapeuten wirken. Beide können Ihr Verständnis verbreitern und darüber hinaus auch Ihre Haltung spiegeln. Berücksichtigen Sie dabei, dass Freunde Ihnen nur sehr schwer interessenlos gegenüberstehen können. Ratschläge speisen sich oft aus deren eigenen Prozessen.
 
Über das größte Spektrum Ihrer Entscheidungsfähigkeit verfügt vor allem Ihr Unterbewusstsein, welches im Verborgenen arbeitet und Ihnen über subtile Signale seine Meinung kund tut. Vielleicht haben Sie schon einen Zugang zu Ihrem Bauchgefühl und haben bereits gelernt darauf zu vertrauen, selbst wenn Ihr Kopf Ihnen das versucht hat auszureden.
Verstehen Sie Ihre Entscheidungsfindung als Prozess und überlassen Sie Ihrem Inneren die Arbeit. Ihr Kopf darf sich auf die Inhaltssammlung und die Abschätzung der Tragweite Ihrer Entscheidungen für diesen Prozess beschränken .
Es kommt der Zeitpunkt, an dem mehr Ruhe & Klarheit in Ihnen einzieht und sich der Entscheidungsprozess erschöpft anfühlt. Der Entscheidung der Sie sich in diesem Moment mehr verbunden fühlen ist Ihre Entscheidung.

Wie setze ich mein Geständnis um?

Geben Sie sich Zeit. Die Dinge sind nunmal passiert. Es ändert selten etwas, wenn Sie früher reagieren. Erlauben Sie sich auf den passenden Moment zu warten, auch wenn es diesen nie zu 100% geben wird. Es ist okay es sich für heute Abend vorzunehmen und kurz davor wieder auf morgen zu verschieben. Seien Sie milde mit sich. Wenn es zur Gewohnheit wird, fragen Sie sich welche Strategie dahinter liegen mag. Bauen Sie sich eine Brücke, indem Sie mit Ihrer Partnerin einen für ein Beziehungsgespräch Termin vereinbaren. Ab diesem Moment steht zwar ein großes Fragezeichen im Raum und damit ebenso verbundene Sorgen, aber es hilft Ihnen sich auf den Zeitpunkt einzustellen und Ihren Kurs zu halten. 
 
Was Sie noch berücksichtigen können:
Die Stimmung und Lebenslage Ihrer Partnerin. Wenn sie gerade mit einem wichtigen Arbeitsprojekt in der Schlussphase steckt empfiehlt sich fairerweise eine Vertagung. 
Sind Sie selber gerade ausgelaugt, unkonzentriert und überempfindlich – ebenso.
 
Schaffen Sie sich Freiheiten. Zeitlich wie räumlich. Keine Anschlusstermine. Kinder am besten zu den Großeltern. Keine vermeidbaren Störfaktoren. Wählen Sie einen Platz, der Freiräume bietet für Bedürfnisse nach Rückzug, lautstarken Gefühlsäußerungen und den Sie bestenfalls in Zukunft meiden können. 
 
Rechnen Sie mit starken Gefühlen wie Wut, Verzweiflung und Trauer. Ausgedrückt über Sprachlosigkeit bis hin zu verletzenden Worten oder Vorwürfen existenzieller Qualität („Mein Leben ist zerstört.“). All das kann passieren und Sie schaffen das zu überstehen. Dieser Prozess ermöglicht Ihrer Partnerin mit Ihrer Wahrheit umzugehen. Gleich welche Reaktion Ihnen begegnet, ihr liegt vermutlich eine ebenbürtige, positive Absicht zu Grunde, wie es bei Ihnen der Fall ist. Bleiben Sie im Raum. Entziehen Sie sich nur wenn sie Sie darum bittet. Wundern Sie sich nicht wenn Ihre Erklärungsversuche nicht angenommen werden. Das Haus brennt lichterloh und die Ursachen für das Feuer leisten keinen Beitrag zu seiner Bekämpfung.
Hier erfahren Sie auch die Dimension Ihrer Bindung. Denn was würde es in Ihnen auslösen, wenn Ihre Partnerin nach mehreren Jahren glücklicher Beziehung auf Ihren Betrug nur mit Schulterzucken reagieren würde? Aber ja – auch das kann passieren.

Wie geht es weiter?

Die ersten Tage und manchmal auch Wochen nach Ihrer Offenbarung werden geprägt sein von erschöpfenden, herausfordernden Gesprächen. Viele Fragen werden Ihnen jetzt von Ihrer Partnerin gestellt. Einzelne wieder und wieder. Es mag Sie nerven sich dauernd wiederholen und kleine inhaltliche Abweichungen rechtfertigen zu müssen – nehmen Sie es trotzdem an. Und mit Sicherheit stellt sie Ihnen Fragen mit deren ehrlicher Beantwortung Sie meinen Öl ins Feuer zu gießen. Scheuen Sie sich nicht davor diese Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Damit möchte Ihre Partnerin ihre Verletzung weiter aufrecht erhalten. Stelle Sie sich dafür für eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Dieses Vorgehen heizt Emotionen weiter an und unterstützt ihren emotionalen Bewältigungsprozess. Und Sie können damit auch zeigen: „Ich bleibe da und bekenne mich zu deinem Schmerz.“ Erwarten Sie überzogenen Stolz Ihnen gegenüber. Die kalte Schulter. Herablassende Gesten. Abschätzige Arroganz. Das gehört zu ihrem Selbsterhaltungsprogramm. Lassen Sie ihr das. Und verurteilen Sie sie nicht vorschnell. Es gibt ihr Halt in dieser Krise. Ihnen würde es jetzt nicht anders gehen. Zeigen Sie dennoch wenn Ihre Grenze des Ertragbaren erreicht ist. 
Irgendwann ermüdet auch sie dieser Kreislauf. Lassen Sie den Raum danach entstehen. Hier beginnt der Bereich, indem Sie beide das schuldgetriebene Täter-Opfer-Spiel hinter sich lassen und nach vorne blicken können. Sollten Sie diesen Punkt nicht erreichen holen Sie sich therapeutische Hilfe.

Autor:

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Matthias Geipel

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